Tanmoy Goswami
Der Smarte Manager
Juli-August 2012
Dr Santrupt Misra, CEO, Carbon Black Business; Direktor HR der Gruppe und Direktor der Aditya Birla Management Corporation Private Limited im Gespräch mit Tanmoy Goswami
Shanghai wurde nicht an einem Tag errichtet. Wenn Sie den stellvertretenden Bürgermeister von Chinas Vorzeigestadt danach fragen würden, würde er wahrscheinlich antworten, dass es im besten Fall noch immer nicht ganz fertig ist und Sie vermutlich sofort nach Ihren Verbesserungsvorschlägen fragen. Der Wille zu ständigen Verbesserung und die Offenheit sind vermutlich die wahre Legende von China.
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Chinas innovative Kompetenz genießt in der Welt bestenfalls einen zweifelhaften Ruf, da die augenscheinliche Imitationswut das Ansehen stark schmälert. Aber entspricht diese Sichtweise denn der Wirklichkeit?
Chinas Gesellschaft befindet sich im Übergang. Vielleicht hat es mit dieser so genannten Imitationsbegeisterung begonnen, obwohl ich diesen Begriff nicht im negativen Sinne verwende. Vielmehr bin ich der Meinung, dass es besondere Fähigkeiten erfordert, um perfekte Kopien herzustellen. Und wenn man dies zu geringeren Kosten macht, sind die innovativen Fähigkeiten nur umso besser. Somit ist das Kopieren selbst eine Form der Innovation, und das kann niemand leugnen.
Früher haben sogar so erfolgreiche Firmen wie GE sehr bereitwillig “Dinge übernommen”. Damit will ich nicht behaupten, dass man das Recht am geistigen Eigentum nicht schätzen sollte. In keinster Weise möchte ich damit sagen, dass eine Missachtung der Rechte am geistigen Eigentum rechtens und erstrebenswert sei. Aber hier geht es nicht um rechtliche oder ethische Aspekte des Kopierens, sondern um die menschliche Fähigkeit zur Imitation, die Fähigkeit, etwas gleiches nachzumachen. Und das ist eine Sache, die die Chinesen sehr gut machen und eine Fähigkeit, die ich bewundere.
Es gab möglicherweise eine Zeit in der wirtschaftlichen Entwicklung und Wachstumsphase, wo das Kopieren von Markenprodukten von großer Bedeutung war. Aber in letzter Zeit – man denke nur an Huawei und die Produkte, auf die sie spezialisiert sind, sowie die meisten anderen chinesischen Unternehmer, die sich auf die neuesten Technologien stützen – werden sie immer mehr zu Pionieren was Innovationen betrifft. So konnten z.B. Hochgeschwindigkeitszüge implementiert werden, die wir in Indien nicht nachbauen konnten.
Chinesen sind sehr bestrebt, dazu zu lernen. Letztens fand ich einen überragenden Beweis für diesen Charakterzug in einem Verlag einer ihrer englischen Tageszeitungen. Zwei oder drei Tage zuvor war es zu einem Zugunglück gekommen. Das Bemerkenswerte war, dass nach der Analyse des Problems folgende Konklusio gezogen wurde: “Wir sollten die chinesische Technologie nicht kritisieren. Diese Art von Unfällen passiert überall auf der ganzen Welt. Das hat nichts mit der chinesischen Technologie, Planung oder Managementfähigkeit zu tun. Wir müssen daraus etwas lernen und Neues erschaffen, erfinden und anwenden." Sie wissen sicherlich, dass die Medien in Indien oftmals besonders kritisch sind, wohingegen bei dieser Zeitung der Sachverhalt objektiv betrachtet wurde und es möglich war zu sagen “Gut, wir haben ein Problem, lernen wir etwas daraus und machen wir es besser".
Dort ist der Wille zum Lernen besonders groß und ich glaube, dass der Schlüssel zur Innovation in einer Gesellschaft liegt, die bereit ist, zu lernen. Oder man denke an die nachhaltige Bauweise. Auf meiner Reise nach Qingdao in der Provinz Shandong, wo wir eine Fabrik haben, sah ich am Weg viele Solaranlagen auf den Häusern. Mit diesen Solaranlagen wird u.a. vor allem Warmwasser aufbereitet. Auch in Indien boomt der Immobiliensektor, aber wir haben keine Solaranlagen auf unseren Dächern.
Man könnte sagen, dass das politische System in China dazu beigetragen hat, aber es bleibt eine Tatsache, dass sie Dinge getan haben, zu denen wir nicht im Stande waren. Zu glauben, sie wären weniger innovativ als wir, ist also ein völlig überholtes Stereotyp.
Wenn wir gerade von den Menschen sprechen – welche großen Unterschiede gibt es Ihrer Meinung nach hinsichtlich des Talentmanagement und der Talentsuche in China und in Indien?
Zuerst muss man zwischen Management- und ausführenden Fähigkeiten unterscheiden. Die Schwierigkeit bei den Arbeitern besteht in den innerstaatlichen Bestimmungen zum freien Verkehr. Wenn man also in einem Gebiet tätig ist, das industriell nicht entwickelt ist, findet man auch keine entsprechenden Arbeitskräfte. Wenn man vor Ort keine Arbeiter findet, dann muss erst um die erforderlichen Genehmigungen bei den Provinzen angesucht werden, um qualifiziertes Personal einstellen zu können.
Das ist die eine Sache. Die andere Sache ist die ungleiche Entwicklung Chinas, die der Indiens ein bisschen gleicht. In den Küstengebieten ist die Entwicklung sehr fortgeschritten, was hohe Lohnkosten mit sich bringt. Da fähige Mitarbeiter sehr gefragt sind besteht die Herausforderung darin, diese an sich zu binden. Aber auch die Suche nach dem geeigneten Mitarbeiter für die Besetzung einer freien Stelle ist bereits eine Herausforderung, zumal es immer schwierig ist, wenn viele Firmen einige wenige Mitarbeiter derselben Branche suchen.
In den städtischen Ballungszentren wie z.B. Shanghai oder Guangzhou verbessert sich auch die Lebensqualität mit dem steigenden Fortschritt und darum bevorzugen die meisten Angestellten genau diese Gebiete. Aus diesem Grund ist es auch sehr schwierig, in anderen Regionen die entsprechenden Mitarbeiter zu finden.
| Zahlreiche internationale Unternehmen arbeiten intensiv mit staatlichen chinesischen Firmen zusammen. |
In China ist man deshalb oft von diversen Outsource-Dienstleistungen abhängig, wenn man nicht sämtliche Leistungen im Haus abdecken kann. Es gibt eine Reihe von Outsource-Agenturen, darunter sind einige sehr gut, andere wiederum nicht. Wenn der Arbeitsort wenige Anreize bietet, ist es selbst für diese Agenturen problematisch, geeignetes Personal zu finden. Die Personalsuche ist demnach eine große Herausforderung.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die interkulturelle Kommunikation. Der Anteil der englischsprachigen Bevölkerung Chinas wächst ständing, aber dennoch findet man Mitarbeiter mit diesem Hintergrund selten, weil ihnen natürlich bessere Möglichkeiten in den Küstenregionen und den industriellen Ballungszentren offen stehen.
Ich glaube, entscheidend ist die Frage, ob die Firma stark international tätig ist und einen bekannten Namen hat. Wenn das so ist, dann hat man in China gute Chancen, ebenso wie überall sonst. Des weiteren spielt der Firmensitz eine große Rolle, denn davon hängt es ab, ob man gutes Personal findet und an sich binden kann.
Die Aditya Birla Gruppe führt mehrere Geschäfte in China (Liaoning Carbon und ein JV mit Hubel JingWei Chemietextilfaserunternehmen von China). Wie schätzen Sie die Markenpositionierung hier ein?
Offen gesagt ist es nicht einfach, diese Frage zu beantworten, da die Investitionen der Aditya Birla Gruppe in China noch nicht die Ausmaße erreicht haben, um im Bereich der Marken eine große Rolle zu spielen. Wir haben zwei kleinere Standorte für Carbon Black und eine Reihe weiterer nicht allzu großer Geschäfte, wie Textilfasern z.B. Bis jetzt haben wir noch nicht die Notwendigkeit verspürt, uns großartig zu erweitern, da es unser Anliegen ist, so lange wie möglich so klein wie möglich zu bleiben und unsere Geschäfte so effizient wie nur möglich zu führen. Als Markengruppe ist es unser Anliegen, verantwortungsvoll in unserem Wirkungsbereich zu sein.
Aber selbstverständlich werden wir in den kommenden Jahren mehr investieren und dadurch wird sich auch die Bedeutung unserer Marken verstärken.
Aufgrund Ihrer Erfahrung mit Fabriken hier vor Ort und Ihren Verbindungen zur örtlichen Gemeinde und mit den Lieferanten etc., würden Sie behaupten, dass Sie hier in China eine sehr umgängliche und förderliche Umgebung vorgefunden haben?
Wenn Sie einmal über andauernde Partnerschaften verfügen, dann ja. Alles steht und fällt mit zuverlässigen Partnern. Zu unserer freudigen Überraschung und entgegen der herkömmlichen Meinung gibt es zahlreiche internationale Unternehmen, die intensiv mit staatlichen chinesischen Firmen zusammenarbeiten. Es ist also möglich, mit der Regierung Geschäfte zu treiben und diese Geschäfte laufen gut.
Auch in China gibt es so wie überall sonst auch unzuverlässige Partner. Für jedes Unternehmen, das hier tätig sein will ist es erforderlich, zuverlässige Partner zu finden, und wenn man diese erst einmal gefunden hat, dann steht einer blühenden Geschäftstätigkeit nichts mehr im Wege.
| Wenn ein Politiker eine derartig spezielle Frage stellt, deutet das schon auf eine gewisse Einstellung hin. |
Für ausländische Investoren hängt die erfolgreiche wirtschaftliche Tätigkeit in China in großem Maße von der Fähigkeit ab, sich mit den örtlichen Gegebenheiten ebenso anzufreunden wie mit der Entscheidungsfindung von Seiten der Regierung. Außerdem ist es erforderlich, dass bedeutende chinesische Firmen das Geschäft unterstützen und fördern. Darum ist es mit einem Geschäftspartner dementsprechend einfacher, da dieser all jene kulturspezifischen Aufgaben übernehmen kann. Natürlich spielt auch die Sprache eine große Rolle, sowohl im täglichen Umgang als auch mit den Unterlagen und der Bürokratie, die in Mandarin verfasst sind. Darum ist es immer von Vorteil, wenn man im Land gut eingebunden ist und von den Menschen Unterstützung erhält, was wiederum eine umfassende Integration und Investition erfordert.
Wie hoch schätzen Sie die Ansprüche des chinesischen Marktes ein?
Jeder Markt verfügt über eigene Preisegestaltung und Segmente und so gibt es natürlich Segmente, die nicht so anspruchsvoll sind und andere, die sehr anspruchsvoll sind. Unter anspruchsvoll verstehe ich in diesem Zusammenhang vor allem die Tatsache, dass hohe Standards etabliert werden.
Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit dem stellvertretenden Bürgermeister von Shanghai vor einigen Jahren erinnern. Wir waren nur eine kleine Gruppe und hatten einen Dolmetscher dabei. Über den Dolmetscher fragte er uns Besucher, was wir von der Stadt hielten und welche Verbesserungsvorschläge wir für die Stadt selbst und ihr Angebot hätten.
Wenn ein Politiker eine derartig spezielle Frage stellt, deutet das schon auf eine gewisse Einstellung hin. Ich rechne nicht damit, dass ein Bürgermeister oder Bürgermeisterstellvertreter oder ein indischer Minister Touristen fragt: “Hallo, was ist Ihrer Meinung nach an meiner Stadt verbesserungswürdig? Was könnte ich denn Ihrer Meinung nach verbessern?"
Meiner Erfahrung und meinem Verständnis nach ist die chinesische Gesellschaft sehr vorausschauend und hat ein hohes Verständnis von der Standardetablierung.
Oder ein anderes Beispiel: Ohne jetzt die politischen Kontroversen zu berücksichtigen, als die olympischen Spiele in China stattfanden, lief alles reibungslos und es gab dieselben Standards wie sonst überall in der Welt. Allein das spricht schon dafür, dass die Chinesen höchste Ansprüche an sich selbst stellen und für beste Qualität stehen.
Des weiteren besteht unter den Chinesen ein großes Bewusstsein für Marken. Natürlich kann man einfach sagen, dass sie Louis Vuitton kopieren, aber die Tatsache allein, dass die Menschen diese Imitate kaufen bedeutet doch, dass das Bestreben besteht, Markenware zu besitzen.
Oder nehmen wir als Beispiel Chinas Erfolgsbilanz beim Assembling der Apple Produkte — abgesehen von den Kontroversen – wir alle sind vollends zufrieden mit den iPads und iPhones. Demnach sind die Planung, das Komponentendesign, die Elektronik und die Verarbeitung von hoher Qualität und das kann nun wirklich niemand leugnen. |